Zwangsarbeit im Ruhrbergbau

17. Juli 2022

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Über ihre Nachforschungen nach sowjetischen Kriegsopfern, die im Ruhrgebiet und im Rheinland während des 2. Weltkriegs umgekommen sind, berichtet uns das VVN-BdA-Mitglied Hannelore Tölke aus Dortmund.

Am Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen zeigt sich, wie der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion auf dem Gebiet des Deutschen Reiches fortgesetzt wurde, wer von der Zwangsarbeit profitierte hat und wie im Ruhrgebiet sowjetischen Kriegsgefangenen gestorben sind. Das Gedenkbuch des Historischen Vereins Ar.kod.M zeigt den Weg von 44 sowjetischen Kriegsgefangenen durch die Lager, ihr Leben und ihr Sterben.

https://kodaten.4lima.de/category/gedenkbuch

Die deutschen Schwerindustrie profitiert
Um den Energiebedarf für die Stahlwerke und Rüstungsbetriebe zu sichern und den Arbeitskräftemangel, der durch die zunehmende Einberufung von Bergleuten zur Wehrmacht entstanden war, zu beseitigen, forderte die Reichsvereinigung Kohle bereits im Sommer 1941, sowjetische Kriegsgefangene verstärkt im Bergbau einzusetzen. Die Reichsvereinigung Kohle wurde im Frühjahr 1941 auf Vorschlag der Industrie gegründet, beteiligt waren u.a. Alfred Krupp und Friedrich Flick. Vorsitzender wurde Paul Pleiger, der aus Witten stammte. Er war ein sehr hoher Nazifunktionär und wurde nach dem Krieg wegen Verbrechen gegen den Frieden, Plünderung und Beteiligung an Zwangsarbeiterprogrammen angeklagt und zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verteilt. Er kam jedoch bereits 1951 frei.

Sklavenarbeit im Ruhrbergbau
Mit ihrer Forderung setzte sich die Reichsvereinigung Kohle im Sommer 1942 durch. Zur schnellen Zuweisung der Gefangenen funktionierte die Wehrmacht im Oktober 1942 das Kriegsgefangenenlager Stalag VI A im sauerländischen Hemer zu einem speziellen „Bergbaulager“ um. Bereits im Herbst 1942 wurden sowjetische Kriegsgefangene in großer Zahl aus anderen Stalags in das Stalag IV A gebracht und von dort kamen sie sofort in die Arbeitskommandos auf die Zechen des Ruhrgebiets. Ohne ausreichende Ernährung, ohne geeignet Kleidung, ohne eine entsprechende Unterkunft und die notwendige Gesundheitsversorgung mussten die Gefangenen auf den Zechen schuften. Sie waren ständigen Demütigungen und Bestrafung ausgesetzt. Bombenangriffen waren sie ausgeliefert, da es ihnen nicht erlaubt war, Schutzräume aufzusuchen. Viele Gefangene kamen völlig erschöpft und krank von der harten Arbeit in die Stalags nach Hemer oder Dortmund zurück und starben in den Lazaretten.

Auch in Dortmund, u.a. auf Zeche Kaiserstuhl, die damals zu Hoesch gehörte, oder auf den Zechen der Gelsenkirchener Bergbau-AG, wurden sowjetische Kriegsgefangene in großer Zahl eingesetzt. Die Gelsenkirchener Bergbau-AG (GBAG) wurde in den 1930er Jahren als Betriebsgesellschaft für die Zechen der Vereinigten Stahlwerk AG gegründet, erster Vorsitzender des Aufsichtsrates war Albert Vögler, Vorstandsvorsitzender war Gustav Knepper, der bekennender Nazi war und für seinen harten Umgang mit den Zwangsarbeitern das Kriegsverdienstkreuz erhielt. 1942 wurde Otto Springorum sein Nachfolger. Ehrenvorsitzender war der ehemalige Chef der GBAG Emil Kirdorf. In Dortmund gehörten der GBAG u.a. die Zechen Westhausen, Hansa, Minister Stein und Fürst Hardenberg.

Im Sommer 1944 schufteten rd. 94.000 sowjetische Kriegsgefangene im Ruhrbergbau. Viele verloren ihr Leben. Eine große Anzahl der auf dem internationalen Friedhof am Rennweg begrabenen sowjetischen Kriegsgefangenen ist an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Zechen in Dortmund und Umgebung gestorben. Ihre Namen wurden nicht mitgeteilt, sie wurden als Unbekannte begraben.
Die Gelsenkirchener Bergbau-AG, Hoesch und alle anderen Eigner der Zechen haben von der Sklavenarbeit sowjetischer Kriegsgefangener erheblich profitiert. Ebenso profitiert hat die Wehrmacht, die für jeden Gefangenen, der in der Industrie oder in die Landwirtschaft schuften musste, von den Unternehmen Geld erhielt. Über die Wehrmacht profitierte der faschistische Staat von den Gefangenen.
In der Nachkriegszeit wurden diese Menschen, die Opfer der Zwangsarbeit wurden, schnell vergessen. Nach ihnen wurde nicht geforscht, ihre Gräber wurden eingeebnet, ihre Namen wurden nicht genannt und blieben vielfach unbekannt. Das setzt sich bis heute fort, auch in Dortmund. Auf dem Internationalen Friedhof wird das Ausmaß des Sterbens und die Anzahl der sowjetischen Kriegsopfer bis heute nicht deutlich und die Verstorbenen sowjetischen Bürger:innen haben auch 77 Jahre nach dem Ende des Krieges in der Öffentlichkeit keine Namen.

Es sollte endlich darüber gesprochen werden, wie die unermessliche Ausbeutung sowjetischer Menschen geplant, organisiert und ausgeübt wurde.