Wie 007: Lizenz zum Recherchieren!

27. Februar 2021

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Das Mannesmann-Archiv und die „verschwundenen“ Nachweise für Zwangsarbeiter/innen

In der Zeitung „Überleben“ des „Bundesverbandes Information und Beratung für NS-Verfolgte“ fanden wir diesen Bericht über das Verhalten eines Konzerns gegenüber seinen ehemaligen Zwangsarbeiter/innen und darüber, wie der Bundesverband doch noch Informationen bekam, um den NS-Opfern zu helfen. Eine spannende Geschichte.

Von Milena Rivera Espejo

Es war ein Tag Mitte Februar ´20. Ich saß im Zug. Rückblickend denke ich, dass ich der einzige Fahrgast war, aber da trügt mich wohl meine Erinnerung. Auf meinem Schoß lagen sie: Listen, Dokumente – ich hielt sie fest umklammert. Ich fühlte mich wie in einem dieser Filme: Whistleblower, verschlüsselte Absprachen, Unbekannte an irgendwelchen Bahnhöfen treffen, die Übergabe geheimer Dokumente. Aber es war kein Film, sondern mein Job.

Stunden vorher stand ich am Duisburger Bahnhof, wartete auf Herrn B., einen Whistleblower, der früher bei Mannesmann am Standort Düsseldorf-Rath gearbeitet hatte. Er kam, holte mich ab, die Atmosphäre war ungezwungen, freundlich, sehr angenehm. Wir fuhren zu ihm nach Hause, ich setzte mich an diesen großen Holztisch mit Blick auf den Garten. Der Tisch war voller Unterlagen, ich trank einen Schluck Kaffee und Herr B. begann zu erzählen.

Lange schon hatte Herr B. für Mannesmann im Aufgabengebiet „Rentenbezüge“ gearbeitet. Dann fing er an, für das Unternehmen unbequem zu werden, weil er Fragen stellte, weil er Ungereimtheiten aufdeckte. Er wurde versetzt. Nun kam er an die Seite von Frau S., deren Aufgabengebiet es unter anderem war – auf Anfrage – im Archiv Nachweise ehemaliger Zwangsarbeiter*innen zu suchen. In den Jahren 1940 bis 1945 hatte das Unternehmen in großem Stil Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangene in seinen Werken eingesetzt.
Die Anfragen wurden jedoch ausnahmslos abschlägig beantwortet. Es gebe keine Unterlagen mehr, die wurden alle während der Bombenangriffe zerstört, so die Aussage.
Eines Tages wurde Frau S. krank und Herr B. übernahm ihr Aufgabengebiet. Das Archiv lag im Keller, ein Ort, an dem sich Frau S. wohl nicht gerne aufhielt. Herr B. aber suchte diesen auf – und wurde fündig. Dort waren sie: Listen mit Namen ehemaliger Zwangsarbeiter/innen, Unterlagen, die die Zwangsarbeit belegten. Wichtige Nachweise für die Betroffenen, um materielle Entschädigung und höhere Rentenbezüge zu bekommen. Herr B. ging daraufhin zur Personalleitung und setzte diese davon in Kenntnis, dass es sehr wohl Belege gibt und nicht alles in den Bombenangriffen zerstört wurde. Davon wollte die Personalleitung allerdings nichts wissen. Er wolle doch jetzt nicht wieder ein Fass aufmachen. Herrn B. wurde massiv gedroht, er solle bei der alten Geschichte bleiben, oder er werde gefeuert. Die Dokumente sollte er vernichten. Herr Z. wurde ihm als „Aufpasser“ zur Seite gestellt, also nahm Herr B. die Dokumente, die Listen unter Aufsicht von Herrn Z. und brachte sie in den Keller, warf sie in einen Container der Dokumentenvernichtung.
Aus, vorbei, verloren.
Allerdings waren die Container nicht abgeschlossen, das fiel Herrn B. sofort auf. Nach Feierabend schlich er sich wieder in den Keller, öffnete den Container, holte die Unterlagen heraus, verstaute sie in seiner Tasche und ging schnell nach Hause. Um nicht aufzufallen entsorgte Herr B. am nächsten Morgen direkt andere Dokumente, damit sein „Aufpasser“ Herr Z. glaubte, die Belege über die Zwangsarbeit seien nur weiter nach unten gerutscht.

Unglaublich! Was für eine Geschichte! Eines aber irritierte mich: Der Bundesverband Information & Beratung für NS-Verfolgte e.V. hatte im Rahmen seines Projektes „Nachweisbeschaffung“ bereits mit Mannesmann Kontakt aufgenommen. Das Mannesmann-Archiv war damals sehr kooperativ gewesen, hatte dem Bundesverband Unterlagen zur Verfügung gestellt, so dass die betroffenen Menschen eine materielle Entschädigung erhalten konnten. Als ich dies ansprach, lachte Herr B. kurz laut auf. Nicht alle Dokumente wurden in dem Hauptarchiv gelagert. Die Standorte verfügten über eigene kleinere Archive. Wenn die Mitarbeiter/innen im Hauptarchiv nicht fündig geworden waren, fragten sie die einzelnen Standorte an. Damals fiel wohl schon auf, dass der Standort Düsseldorf-Rath ungewöhnlich viele negative Bescheide erteilte. Es wurde nachgehakt, aber ansonsten passierte nichts.
2011 ging Herr B. in Rente und das Thema „Zwangsarbeit“ verlief im Sand. Die Dokumente allerdings sind noch vorhanden …

Der Zug hielt an: Köln Hauptbahnhof. Ich nahm die Dokumente und stieg aus, verlor mich in der Menge des Getümmels. Im Gepäck: Eine Geschichte, bei der es sich lohnt, genauer nachzuforschen.

Die Mannesmann AG wurde in 2000 von Vodafone (Großbritannien) übernommen. Die Mannesmann-Röhrenproduktion ging an die Salzgitter AG, andere Betriebsteile wurden aufgeteilt auf zahlreiche Metall- und Stahlunternehmungen.
Über Mannesmann im Kriege fand Gisela Blomberg aus Düsseldorf wichtige Informationen heraus. Siehe das Buch der VVN-BdA NRW über „Von Arisierung bis Zwangsarbeit – Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr“ sowie die Archiv-WebSite von Verbrechen der Wirtschaft.

Warum gibt es eigentlich die vielen Fritz Haber- und Ferdinand-Porsche-Straßen?

26. Februar 2021

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Porsches Erfolge „beruhten auf Sklavenarbeit“
Der Roman „Hartenstein“ erinnert an Zwangsarbeit und andere Naziverbrechen

Wolfram Adolphi (70), Chinawissenschaftler, Journalist und Schriftsteller aus der DDR, hat mit „Der Enkel vorne links“ den dritten Band seiner autobiografisch geprägten Roman-Trilogie „Hartenstein“ vorgelegt. Im Kapitel „Der Abriss“ erfahren wir, wie sich der Roman-Protagonist Jakob Hartenstein Gedanken über Fritz Haber macht: den „Vater“ des Gaskrieges im Ersten Weltkrieg, der sich zugleich als Entdecker des Verfahrens, Stickstoff aus der Luft zu gewinnen, einen Namen gemacht hat und dem bis heute unzählige Straßen gewidmet sind.

Warum nicht – fragt sich Jakobs junge Mitstreiterin Elisa Graetz – die Haberstraße in Leupau einfach in Clara-Immerwahr-Straße umbenennen? Um damit die Ehefrau Habers zu ehren, die selbst Chemikerin war und sich im Entsetzen über die Kriegsverbrechen ihres Ehemannes das Leben nahm?

Aber die kleine nächtliche Aktion mit neuen Straßenschildern bleibt nur Symbol. Offiziell bleibt auch in Leupau die Haberstraße erhalten – und es bleibt also geehrt ein Mann, der nach dem Tod seiner Frau weiter machte wie bisher. „Wurde“, lässt Adolphi seinen Jakob Hartenstein sagen, „zum Initiator der Deutschen Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch), in der seine Mitarbeiter, damit die Gesellschaft ihren Zweck erfüllte, ein Präparat aus Cyan- und Chlorverbindungen erfanden, das 1920 unter dem Namen Zyklon auf den Schädlingsbekämpfungsmarkt kam. Zyklon. Ein paar Jahre später – Haber, der Anfang neunzehnhundertvierunddreißig starb, war nicht mehr dabei – verbesserten sie es. Wie es die Art ist von Weiterentwicklern. Und machten es zum später millionenfach mörderischen Menschenvernichtungsgas Zyklon B.“

Über die frühen Absprachen zwischen der IG Farben und Hitler über einen Festpreis für das aus Braunkohle zu gewinnende Benzin – „Und nun ein Festpreis! Aus der Staatskasse! Nie wieder – das wussten Bosch und Haber ganz genau – würde ihnen wieder jemand so ein Geschenk machen wie die Faschisten“ – lässt Adolphi Jakob zu einem anderen vielfachen Straßennamenspatron kommen: Ferdinand Porsche. Eng war das Bündnis zwischen Porsche und Hitler, die Verbindung von VW mit Krieg und Faschismus. Und dennoch:

„Und wie viele Ferdinand-Porsche-Straßen gab es – ja, jetzt, an diesem Tag, und nicht irgendwann – in Deutschland? Jakob warf die Suchmaschine an: Frankfurt am Main, Offenbach, Köln, Gera, Leimen, Lippstadt, Dortmund, Bonn, Nufringen, Ettlingen, Grünstadt, Stade, Bischofswiesen, Heinsbach, Gütersloh, Besigheim, Aalen, Bretzfeld-Schwabbach – ach, es war genug. Immer neue Namen tauchten auf. Wer sollte sie alle aufschreiben und zählen. Und warum. Porsche gehörte zu Deutschland. Und so, wie Porsche dazugehörte, auch die Zeit des Faschismus. Und wie man damit umging? Der Zeitgeist sprach seine überwältigende Sprache. Da mochte ein Buch wie das von Georg Meck Klarheit schaffen über die Zusammenhänge – den Zeitgeist störte das nicht. Damals war Diktatur, rief er, jetzt ist Demokratie, da ist alles ganz anders, und damit war alles geklärt.“

Um Porsche ausführlicher darzustellen, lässt Adolphi Jakob aus der Autobiografie vom 2019 verstorbenen Porsche-Enkel Ferdinand Piëch – selbst einer der Granden des Porsche-Volkswagen-Komplexes – zitieren. Da ist dann also zu lesen, dass Porsche schon in den neunzehnhundertzwanziger Jahren in persönlichen Kontakt mit Hitler gekommen sei und dieser ihn „überaus geschätzt“ habe. Man habe sich in den beiderseitigen „Motorisierungsideen“ getroffen. Das sollte sich später für Porsche als überaus profitabel erweisen. Als Hitler 1934 von der Automobilindustrie den „wirtschaftlichen Kleinwagen“ verlangte, „den sich jedermann in Deutschland leisten können solle“, sei man im Porsche-Konstruktionsbüro „im Vordenken schon sehr weitgekommen“ und habe „rasch ein Konzept vorlegen“ können. Daraufhin sei der „Entwicklungsauftrag erteilt“ worden, und zwei Jahre später „begannen die Versuchsfahrten in größerem Stil“.

„War er da“, sinnt Jakob, „nun für noch anderes verantwortlich zu machen außer für ein praktisches Auto, der Hitler-Freund Porsche? Nicht wirklich, liest Jakob bei Piëch, und der meinte das nicht allein und nur für sich, sondern hatte sich des Beistands der Geschichtswissenschaft versichert. ‚In der kürzesten Verdichtung‘ – schrieb Piëch – ‚kommt der Historiker Hans Mommsen zu dem Schluss: ›Wie weit sich Porsche über den verbrecherischen Charakter des Regimes, dem er diente und dem er entscheidende Förderung verdankte, im Klaren gewesen ist, muss offen bleiben. Er stellte den Prototyp des ausschließlich an technischen Fragen interessierten Fachmanns dar, der sich aber andererseits nicht scheute, die Herrschenden direkt anzugehen, wenn es um die Interessen des Volkswagenwerkes ging. Unter den Industrieführern der NS-Zeit nahm Porsche ebenso eine Sonderstellung ein wie in der politischen Führungselite.‹ Na bitte. Und auch Ferry Porsche, Sohn des Firmengründers, kommt bei Piëch in diesem Sinne zu Wort. Ein ‚äußerst praktischer Mann‘ sei sein Vater Ferdinand Porsche gewesen, ‚ein Realist, jederzeit in der Lage, ein Problem sofort zu verstehen und oftmals auch umgehend zu lösen‘ – aber erstaunlicherweise eben nur ‚in technischen Belangen‘. Politisch hingegen sei er ‚naiv wie ein Kind‘ gewesen. Über ‚Ereignisse von nationaler oder internationaler Bedeutung‘ habe er sich ‚keine Gedanken gemacht‘.

Naiv wie ein Kind. Der Autobauer der Spitzenklasse und
Hitlerfreund. Dessen Naivität sich – so war an anderer Stelle
zu erfahren – mit Distanzwahrung verband. ‚Distanz zum ganzen Brimborium der Nazis.‘ Ja, das schrieben sie gern in diesen Kreisen. Dass sie mit den Nazis eigentlich nichts zu tun haben wollten.“

Und Adolphi lässt Jakob weiter über die beiden Autobauer nachdenken. Es war ja nicht so, „dass Piëch die Fakten der engen Verquickung mit dem faschistischen Regime nicht zur Kenntnis genommen hatte. Durchaus eindrucksvoll beschrieb er, wie für den Bau des von Porsche erfundenen Autos in der Nähe der kleinen niedersächsischen Ortschaft Fallersleben mit den Geldern der Kraft durch Freude-Organisation, die zu einem großen Teil aus dem 1933 von den Nazis beschlagnahmten Gewerkschaftsvermögen stammten, jenes Werk errichtet wurde, das bis heute den Kern des weltweit agierenden Volkswagenkonzerns bildet. Wolfsburg heißt die Stadt
heute. Den Namen hatte sie 1945 von den britischen Sieger- und Besatzungstruppen erhalten.

Und Jakob las weiter, dass im Volkswagenwerk von neunzehnhundertvierzig an ‚Flugzeuge repariert und Flugzeugteile produziert wurden‘.“ Die Produktion des Volkswagens hingegen „sei ‚nicht über 630 Stück hinaus‘ gekommen, entwickelt worden sei aber ‚der vielgerühmte Geländewagen‘ (›Kübelwagen‹), von dem der ‚Schwimmwagen und der Kommandantenwagen abgeleitet‘ worden seien mit einer Gesamtproduktion von ‚rund 66.000 Stück‘. Ansonsten sei das Werk ‚nur‘ – tatsächlich: nur! – ‚für die Rüstungsproduktion genutzt‘ worden: ‚Motoren und Feldöfen, Flugzeug-Bauteile, Panzerketten, Munition, Gehäuse für Bomben, Minen und die V1‘. Und ‚wesentlich‘ sei auch die ‚Flugzeugreparatur‘ geblieben.

Und auch vom ‚dunkelsten Kapitel‘ hatte Piëch geschrieben. Dem ‚Schicksal der Zwangsarbeiter. Zuerst waren es Zwangsverpflichtete aus Deutschland und den besetzten Gebieten, dann auch Juden aus KZs und Kriegsgefangene, hauptsächlich aus Polen und der Sowjetunion.‘“

„Drei Zeilen“, resümiert Jakob diesen Abschnitt bei Piëch. Drei Zeilen. „Nicht mehr. Und Ferdinand Porsche – ‚naiv wie ein Kind‘ – war auch in dieser Zeit ‚die bestimmende Kraft in der Unternehmensführung‘.“

Wir wissen: Deren Erfolge beruhten auf Sklavenarbeit. Die Betriebsgewinne in den Kriegsjahren waren enorm. Die spätere „\Wiedergutmachung“ entsprach nicht diesen Gewinnen. Große Gewinne wurden nach dem Krieg auf der Grundlage des im Krieg durch Sklavenarbeit vermehrten Kapitals erzielt. Die Mítschuld an der militärischen Ertüchtigung des Nazi-Regimes und der Sicherung seiner Fähigkeit, den Krieg so lange und so brutal zu führen, wie es dann geschehen war, wird in Piëchs Betrachtungen noch nicht einmal ansatzweise berührt.

Umso ausführlicher aber – merkt Jakob – in der Porsche-Volkswagen-Darstellung von Georg Meck. „Sofort wurde das Bild klarer. Nicht eine kurze Episode war der Zwangsarbeitereinsatz gewesen und nicht etwas, was es irgendwie zusätzlich gab – nicht also ein ‚dunkles Kapitel‘ neben ansonsten ganz hellen –, sondern eine Voraussetzung für die Produktion überhaupt. Seit Kriegsbeginn – schrieb Meck – war Porsche ‚mit seiner Fabrik permanent auf ausländische Einsatzkräfte angewiesen‘.“ Porsche sei „nicht davor zurückgeschreckt, ‚mit Himmler einen Vertrag auszuhecken, wonach die SS die Fertigstellung, den Ausbau und Betrieb der Gießerei mit KZ-Häftlingen‘ übernahm und er ‚im Gegenzug‘ der SS ‚die bevorzugte Lieferung von 4000 Autos‘ garantierte.“ Und weiter las Jakob bei Meck über KZ-Häftlinge: „‘Allein im Stammwerk‘ seien ‚800 Männer als Bauarbeiter geschunden‘ worden, und ‚650 Frauen‘ hätten ‚Panzerfäuste und Tellerminen‘ hergestellt.“ Zum Jahreswechsel 1944/45 „seien ‚im VW-Werk insgesamt 17.365 Zwangsarbeiter beschäftigt‘ gewesen, davon ‚zwei Drittel Ausländer‘. Historiker – schrieb Meck weiter – beschrieben die im Werk herrschenden Zustände ‚als dramatisch‘, und er zitiert Christoph Kopper: ‚Im Werk waren die sowjetischen Arbeitssklaven dem Sadismus der Leute vom Werkschutz wehrlos ausgesetzt. Die Werksleitung nahm die unzumutbare Unterbringung und Verpflegung der ›Ostarbeiter‹ in Kauf‘, für sie ‚habe die Produktion absoluten Vorrang vor humanitären Bedenken‘ gehabt.“

Quelle: Wolfram Adolphi, „Hartenstein“, Band 3 „Der Enkel vorne links“, Roman, Nora-Verlag, Berlin 2020, S. 464-471

Hitler und 27 Industrielle: Geheimtreffen am 20. Februar 1933

22. Februar 2021

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Der Jahrestag des Geheimtreffens vom 20. Februar 1933 blieb auch in diesem Jahr unbeachtet. Die Zusammenkunft Adolf Hitlers mit 27 Industriellen in Hermann Görings Amtssitz im Reichstagspräsidentenpalais zur Finanzierung des Wahlkampfes der NSDAP war jedoch entscheidend für den Weg in Faschismus und Krieg.

Der Organisator des Treffens war Hjalmar Schacht, ehemaliger und zukünftiger Reichsbankpräsident; – Am Treffen nahmen u. a. die folgenden Wirtschaftsvertreter teil:
Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Vorsitzender des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie; – Albert Vögler, erster Vorstandsvorsitzender der Vereinigte Stahlwerke AG; – Fritz Springorum, Hoesch AG; – August Rosterg, Generaldirektor der Wintershall AG; – Georg von Schnitzler, Vorstandsmitglied der I.G. Farben; – Hugo Stinnes junior, Vorstandsmitglied des Reichsverband der Deutschen Industrie, Mitglied des Aufsichtsrats des Rheinisch-Westfälischen Kohlen-Syndikats; – Fritz von Opel, Vorstandsmitglied der Adam Opel AG; – Günther Quandt, Großindustrieller, aufgrund seiner Unterstützung des Regimes späterer Wehrwirtschaftsführer; – Friedrich Flick; – August von Finck, war in zahlreichen Aufsichtsräten und Fachgremien;
In unserem Buch „Von Arisierung bis Zwangsarbeit – Verbrechen der Wirtschaft an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945“, Köln, 2012, herausgegeben von der VVN-BdA NRW wird über das Geheimtreffen ausgeführt:

Auf diesem Treffen wurde für den laufenden Wahlkampf zur Reichstagswahl am 5. März 1933 ein Wahlfonds von drei Millionen Reichsmark für die NSDAP und die Kampffront Schwarz-Weiß-Rot beschlossen. Die NSDAP sollte zusammen mit der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot die notwendige Zweidrittelmehrheit für das Ermächtigungsgesetz erreichen. Tatsächlich wurde diese Wahl zur letzten Mehrparteien-Reichstagswahl des Deutschen Reichs. 75 Prozent des Fonds ging an die NSDAP. Davon sind mehr als zwei Millionen Reichsmark direkt als Einzahlung an die NSDAP nachweisbar.1
Hitler überzeugte die anwesenden Industriellen von der Notwendigkeit des Kampfes gegen Demokratie und Kommunismus: Hitler wörtlich:

»Wir stehen heute vor folgender Situation: Weimar hat uns eine bestimmte Verfassungsform aufoktroyiert, mit der man uns auf eine demokratische Basis gestellt hat. Damit ist uns aber keine leistungsfähige Regierungsgewalt beschert worden. Im Gegenteil, der Kommunismus musste sich nach dem, wie ich eingangs die Demokratie kritisiert habe, immer tiefer in das Volk hineinbohren.«
Dann erklärte Hitler, er brauche die gesamten Machtmittel des Staates, um den Kommunismus niederzuwerfen:
»Wir müssen erst die ganzen Machtmittel in die Hand bekommen, wenn wir die andere Seite ganz zu Boden werfen wollen. […] Wir müssen in Preußen [Anm.: gleichzeitige Landtagswahl] noch 10, im Reich noch 33 Mandate erringen. Das ist, wenn wir alle Kräfte einsetzen, nicht unmöglich. Dann beginnt erst die zweite Aktion gegen den Kommunismus.« 2
Hier zeichnete sich besonders Krupp von Bohlen und Halbach aus, der zu den 27 anwesenden Teilnehmern in seiner Dankesrede zum Privateigentum und zur Wehrhaftigkeit bekannte. (…)

(…) Die Aufrüstung, die Vorbereitung auf den Krieg und die Eroberung neuen »Lebensraums« konnten beginnen. Sodann die Sklavenarbeit von Millionen Menschen, die nach Kriegsbeginn »ins Reich« geholt wurden, wo sie die Profite der Industriellen mehrten. Gustav Luntowski fand in seinem informativen Buch für alles eine Entschuldigung: »Vielmehr scheint ihr Handeln letztlich fast allein von der Sorge um Bestand und Fortexistenz ihrer Unternehmen bestimmt gewesen zu sein.« Diese »Fortexistenz« des Kapitalismus brachte 55 Millionen Menschen den Tod.3 (…)

Hitler sagte u.a. ferner: »Wir stehen jetzt vor der letzten Wahl. Sie mag ausgehen wie sie will … Wenn die Wahl nicht entscheidet, muss die Entscheidung eben auf einem anderen Wege fallen … oder es wird ein Kampf mit anderen Waffen geführt werden, der vielleicht größere Opfer fordert …« Nach dieser offenen Darlegung seiner Putschpläne für den Fall einer Wahlniederlage spenden die geladenen Industriellen für den Wahlkampf der Nationalsozialisten drei Mio. RM.

Gustav Krupp fertigt abends eine Notiz über die Begegnung an: »Ruhe in der inneren Politik: keine weiteren Wahlen. … Ermöglichung der Kapitalbildung. … Dementsprechend Entlastung von Steuern und öffentlichen Lasten.«4 (…)

Schwerindustrie wollte die Abschaffung der Demokratie und der Linken, sie wollte die Hochrüstung

Adam Tooze schrieb über das wenig bekannte »Spenden-Rendezvous« Hitlers mit der Schwerindustrie drei Wochen nach der Machtübergabe in Görings Reichstagspräsidentenpalais: »Einmal ganz abgesehen von den Folgen, zählt dieses Treffen vom 20. Februar [1933] zu den berüchtigtsten Beispielen für die Bereitschaft des deutschen Großunternehmertums, Hitler bei der Aufstellung seines diktatorischen Regimes beizustehen.« … »Krupp und Konsorten (wurden) von Hitler nie gezwungen, sich seinem gewalttätigen Antisemitismus oder sich seinen Eroberungsplänen anzuschließen.«
Entscheidend war das, was Hitler den Industriellen versprochen und schließlich auch durchgesetzt hatte: »Das Ende der parlamentarischen Demokratie und die Vernichtung der deutschen Linken«. 5 Die »gesunden Profite« lockten. Tooze eindeutig: »Und für genau dieses Versprechen leistete ein hoher Prozentsatz der deutschen Großindustrie gerne eine gehörige Anzahlung«. Allein bei diesem Treffen waren es drei Millionen Reichsmark für den Fonds zur Wahl im März, die – das war korrekt versprochen – nun wirklich die letzte sein sollte. Der britische Historiker Tooze: »Krupp und Konsorten waren willige Partner bei der Vernichtung des politischen Pluralismus in Deutschland«.6
Tooze: »Faktisch aber waren es die Spenden vom Februar und März 1933 gewesen, die einen wirklich entscheidenden Beitrag leisteten. Denn sie waren für die Partei just in dem Moment eine kräftige Finanzspritze, als die ungemein knapp bei Kasse war und, wie Göring so richtig vorausgesagt hatte, vor der letzten Wahl ihrer Geschichte stand.«
Am Ende seines Buches stellte Tooze die Frage, warum die Lobby der deutschen »Privatwirtschaft« in der Folgezeit den »drastischen Eingriff der Staatsmacht nach 1933« überhaupt tolerierte, immerhin habe doch das Großunternehmertum zuvor das »Reformstreben« der Weimarer Republik noch massiv behindert.7 Tooze: Zwar widersprach die »autokratische nationalsozialistische Wende« deutlich der »internationalen Agenda« – den Exportinteressen –, die die deutsche Privatwirtschaft pflegte, doch der »autoritäre Stil«, den Hitlers Koalition in der Innenpolitik pflegte, »gefiel ihr dafür ausnehmend gut, nicht weniger gut als die gesunden Profite, die seit Mitte der dreißiger Jahre auf sie zurollten«.8
Wer an das Dogma glaubt, dass die Unterstützung der Großindustrie für Hitler ein »Mythos« sei, dem macht Tooze deutlich, dass sie sich 1933 »dem politischen Wandel nicht entgegen [stellte], wie während der ersten Revolution in Deutschland 1918/19, sondern sich Hitlers ›Nationaler Revolution‹ in vielen entscheidenden Punkten als willfähriger Partner« anbot.9 Selbst an privatwirtschaftlichen Schauplätzen, wo man eigentlich »etwas Widerstand« erwartet hätte, stießen die Vertreter der Nazipolitik, so schreibt der Autor in seiner »Ökonomie der Zerstörung«, auf »bereitwillige Kollaborateure«. Ob Autarkieprogramm, die Aufrüstung oder sogar die große Zahl neuer Überwachungsbehörden – »alles fand den Beifall und die tatkräftige Unterstützung von erfahrenen Firmenchefs, deren Fachwissen dem Regime mit freundlicher Genehmigung der gesamten deutschen Industrie zur Verfügung gestellt wurde«.10

Schon vorher gab es Geheimtreffen

Die Teilnehmer des Geheimtreffens waren zumeist nach 1945 wieder aufgestiegen und es war nicht üblich, ihnen Vorhaltungen zu machen. Aber das ändert nichts an den Tatsachen. Schon im Januar ‚33 sammelte die »Ruhrlade« für Hitlers Wahlkampf. Einige Tage nach dem Zusammentreffen in Köln vom 4. Januar 1933 zur Machtübertragung an Hitler trafen sich die Teilnehmer des Treffens in Dortmund und Mülheim (hier auch mit Emil Kirdorf und Adolf Hitler!). Papen informierte über das geheime Konferenzergebnis von Köln. Bei diesen beiden Gesprächen wurde eine Million Reichsmark für die NSDAP bewilligt. Die Aussicht, dass es auf lange Zeit keine Wahlen mehr geben sollte, verlockte schon vor dem 30. Januar viele der großen Finanz- und Industriemänner zur Zustimmung zur Hitlerkanzlerschaft. Diese Zahlungen waren gegen die letzte Weimarer Reichsregierung und für die Diktatur bewilligt worden.
Zitiert sei aus dem Buch Hallgarten/Radkau »Deutsche Industrie und Politik«11: »Am 7. Januar – drei Tage nach dem Treffen mit Hitler bei von Schröder in Köln – machte Papen auf der Fahrt nach Berlin, wo er Hindenburg zu bearbeiten plante, in Dortmund Halt und besprach seine Pläne mit von ihm rasch zusammengerufenen Mitgliedern der ›Ruhrlade‹ – jenes geheimen Kreises ganz weniger industrieller Potentaten, der seit 1928 faktisch die Geschicke der deutschen Schwerindustrie leitete.« … »Die ›Ruhrlade‹ wusste, dass Papen, den sie als ihren politischen Sachwalter ansah, auf eine Diktatur mit Hitlers Beteiligung hinsteuerte, wie auch immer das Kabinett im Einzelnen aussehen mochte.« Berichtet wird, »dass die Sitzung in Dortmund unter anderem von Vögler und von Springorum (Hoesch) besucht war.« Die Hitler-Partei wurde »damals unmittelbar nach ›Köln‹ von einem Konsortium unter Leitung der beiden genannten Industriellen aus finanziellen Nöten gerettet«.12 Die Wertigkeit des Treffens vom 7. 4.1933 in der Villa Springorum in Dortmund war daher erheblich.13

Krupp organisierte die Finanzierung des Nazi-Regimes

Als nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 der Naziterror wütete, Kommunisten, viele Antifaschisten bereits verfolgt und getötet wurden und am 4. April 1933 die Kriegsvorbereitungen durch die Bildung eines geheimen »Reichsverteidigungsrates« begannen, war es Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der die Finanzierung der Nazis übernahm. Krupp befand sich in der Tradition seiner Familie, die bereits im 19. Jahrhundert für die preußisch-deutschen Monarchien Waffen schmiedete. (…)

Die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft war eine am 1. Juni 1933 eingerichtete Spende von der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände und dem Reichsverband der Deutschen Industrie zugunsten der NSDAP. […] Angeregt wurde diese Spendenaktion für die NS-Bewegung von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und Martin Bormann. Krupp führte das dazu installierte Kuratorium. Zu den Mitbegründern der »Kooperative auf Gegenseitigkeit« (bpb) gehörte der Ex-Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht. […]
Die abzuführende Spende wurde nach der Gesamtlohn- und -gehaltssumme berechnet. Damit wurden also die Lohnnebenkosten der Firmen erhöht. Die prozentuale Belastung schwankte zwischen 1 Prozent und 3,5 Prozent der gesamten Lohnkosten eines Betriebes. Bis 1945 kamen so 700 Millionen Reichsmark an Spenden zusammen.14
Krupp, IG-Farben, Flick, Thyssen und andere zahlten über die »Adolf-Hitler-Spende« der Nazipartei von 1933 bis 1945 jährlich über 60 Millionen RM. Allein die Dresdner Bank zahlte im Jahre 1934 120.000 RM.
Außer den Zahlungen für die »Hitler-Spende« machten die Rüstungsmonopole große finanzielle Zuwendungen an die SS und andere Organe des nazistischen Terrorapparates.
Zu den eifrigsten Geldgebern und Förderern der Nazi-Partei zählte Friedrich Flick. Neben ständigen Zahlungen an den sogenannten Freundeskreis Himmler – sie machten jährlich über 100.000 RM aus – zahlte Flick große Summen zur »Hitler-Spende« sowie an die örtlichen Stellen der Nazi-Partei. So überwies z. B. das zu seinem Konzern gehörende Stahlwerk Riesa in der Zeit vom 24. Februar 1933 bis Ende 1934 über 34.000 RM an örtliche SA- und SS-Verbände. Nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens am 30. September 1938 sicherte der Vorstandsvorsitzende der IG-Farben, Hermann Schmitz, Hitler weitgehende finanzielle Unterstützungen zu:
»Unter dem Eindruck der von Ihnen, mein Führer, erreichten Heimkehr Sudetendeutschlands ins Reich, stellt Ihnen die IG-Farbenindustrie Aktiengesellschaft zur Verwendung für das sudetendeutsche Gebiet einen Betrag von einer halben Million Reichsmark zur Verfügung.« 15

Alle Zahlungen der Industriellen an das NS-Regime haben sich für die Kapitalisten gelohnt. Sie kamen reicher aus dem Krieg heraus als sie hineingingen.

Quellen für obige Darstellung:
Eine Dokumentation der VVN-BdA Essen von Walter Hilbig, ferner #Tooze, Adam: Ökonomie der Zerstörung. Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007
Luntowski, Gustav: Hitler und die Herren an der Ruhr. Wirtschaftsmacht und Staatsmacht im Dritten Reich, Frankfurt/M. – Bern 2000

Blick in die Geschichte

12. Februar 2021

Fragwürdiger Umgang mit Geschichte in der Gedenkhalle
Ein Beitrag von Otto Marx, Fritz Meinicke und Ramin Rene Sarrafi
Oberhausen im Juni 2012

Seitdem die neu gestaltete Gedenkhalle am 2. Dezember 2010 eröffnet wurde gibt es nicht nur Zustimmung. Es gibt berechtigte Kritik, vor allem von der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA).

Oberhausener Gedenkhalle und der Nationalsozialismus
Die Oberhausener Gedenkhalle diente nie einem Selbstzweck, sie war immer Gegenstand der Geschichtspolitik und Einflussnahme auf die allgemeine Meinungsbildung. Das kann in einer Gesellschaft, die eine Einheit von Gegensetzen (Kapital und Arbeit) ist, auch nicht anders sein, die Gegensätze sind unüberbrückbar. Hinzu kommen unterschiedliche politische Standpunkte und Interessen der Akteure, die sich in den Gestaltungsmöglichkeiten widerspiegeln. Nach 40 Jahren erfuhr die Oberhausener Gedenkhalle eine Erneuerung an Haupt und Gliedern. In der Selbstdarstellung heißt es: „Zukünftig sollen die aktuellen Bedürfnisse von Museumsbesuchern, eine anregende Darstellung von Geschichte vorzufinden, noch besser berücksichtigt werden. Zugleich wird die neue Dauerausstellung in der Gedenkhalle neue Erkenntnisse zur Stadt- und Regionalgeschichte auf zeitgemäße Art und Weise vermitteln. (…)
Die Ausstellung setzt darauf, dass auch den jüngeren Generationen durch die neue Ausstellung ein vertieftes Verständnis für die Geschichte Oberhausen zwischen 1933 und 1945 vermittelt werden kann. Die Stadt Oberhausen betrachtet dies als die notwendige sachliche Basis, um sich zukünftig auf einer objektiven historischen Folie auch für die demokratische Gesellschaftsordnung einsetzen zu können. Wir bieten ein umfassendes museumspädagogisches Angebot an.“
Im Vorraum der Ausstellung weist eine Fotokonserve dürftig, u. a. mit einem Bild von Walter Kurowski, auf die geschichtliche Entwicklung der Gedenkhalle hin.
Das Neue:
Im äußeren Rundgang erfährt der Betrachter anhand von Exponaten und Erinnerungen, wie die Oberhausener die faschistische Herrschaft erlebten.

  • Die Uniformierung und Militarisierung der Jugend durch HJ und BDM.
    • Die Rassenideologie als Staatsdoktrin mit der Einführung des Ahnenpasses bei Heirat.
    • Die Programmierung der Frauen auf Kinderkriegen, durch die Mutterkreuze.
    • Wie der Nationalismus und Rassismus tief in das Leben des Einzelnen eingriff und zum Holocaust führte.

Dass sich nicht alle in das nazistische Regime einbinden ließen zeigt das Schicksal von Hermann Albertz, er lehnte eine angetragene Mitgliedschaft in die NSDAP ab. Der ehemalige sozialdemokratische Abgeordnete des Preußischen Landtages wurde Opfer der nazistischen Willkür. Im Gegensatz dazu steht Wilhelm Heuser, der Oberbürgermeister wechselte vom Zentrum zur Nazipartei.

Mängel in der Behandlung des Widerstandes

Der Widerstand gegen das Naziregime wird dürftig, anhand von Einzelpersonen, als Privatsache dargestellt. Er wird individualisiert und nicht als Bewegung begriffen, die auch organisationsübergreifend war. Für die Meinungsbildung in der Jugend, die eine wichtige Zielgruppe für die neue Ausstellung darstellt, wäre sicher interessant zu erfahren, dass es im Heizungskeller des Josef-Krankenhauses eine illegale Druckerei gab. Die Bundeszentrale für polische Bildung schrieb bei der Vorstellung der alten Oberhausener Gedenkhalle: „Die jugendlichen Kommunisten druckten hier Flugblätter gegen die Nationalsozialisten. (…)Im November 1934 wurden 19 Jugendliche, die mit dem Heizungskeller in Verbindung gebracht wurden, verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Sechs wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, zwei kehrten nicht mehr lebend zurück.“ Es gab sozialdemokratischen Widerstand über die Brotfabrik „Germania“ und organisierten Widerstand durch die „Sturmscharen“ der katholischen Jugend um Kaplan Rossaint, während sich der höhere Klerus anpasste.
Wenn man nach Frauen sucht, ohne die kein Widerstand möglich gewesen wäre, muss man sich bemühen in die Opfer und Schicksalskartei am Ende der Ausstellung zu suchen.
Ob die Zielgruppen, die angesprochen werden sollen, sich eine unvoreingenommene freie Meinung bilden können bleibt dahingestellt. Sie sind gut beraten, wenn sie sich noch andere Quellen erschließen. Denn der Faschismus ist nicht wie ein Wolkenbruch über Oberhausen niedergegangen. Oder, soll etwa die dürftige Beschreibung der Reichstagswahlen vom 5. März 1933 eine Antwort sein?

Der aus der Gedenkhalle verschwundene Paul Reusch.

Bei der Kritik an der umgestalteten Gedenkhalle geht es nur oberflächlich „um Emotionalität versus Rationalität“. Es geht auch nicht um Heldengeschichten. Aber um Vorbilder schon, oder dürfen das nur Fußballstars, Superstars aus dem Schaugeschäft und Operettenfiguren aus Fürstenhäusern sein?
. Die Ideengeber und Macher der neuen Gedenkhalle haben die Verantwortung einflussreicher Kreise der Großindustrie, für die Machtübertragung an Hitler, aus der Ausstellung verbannt. Sie reden von neuen historischen Erkenntnissen, die man berücksichtigt habe, ohne diese zu benennen. So fehlt auch Paul Reusch. Er gilt als einer der Unterstützer der Industrieeingabe an Hindenburg, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen1.
Unleugbar ist, für die führenden Köpfe der Schwerindustrie war das parlamentarische System der Weimarer Republik genau so ein Horror, wie für die nicht entmachteten Monarchisten. Paul Reusch gehörte zu den Scharfmachern, die eine Präsidialdiktatur angestrebt haben, wenn sie schon auf den Kaiser verzichten mussten. Ihre Interessen deckten sich zunächst mit denen der rechten Parteien „Deutschnationale Volkspartei“ (DNVP) und die „Deutsche Volkspartei“ (DVP). Da es ihnen an Durchsetzungskraft fehlte, wandten sie sich nach und nach Hillers „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ (NSDAP) zu. Das Großkapital strebte nach politischen Zuständen, die ihren Profitinteressen am meisten zu sagten.
Paul Reusch gründet im Januar 1928 die Ruhrlade. Die Ruhrlade war ein geheimes Gremium, in dem fast alle Unternehmer der Schwerindustrie des Ruhrgebietes vertreten waren. Ruhrlade war nicht einfach ein Fantasiename. Er bezieht sich u. a. auf den Begriff Lade, ein Werkzeug aus dem Bergbau. Damit schob der Sprengmeister Sprengstoff in die vorbereiteten Sprengkammern. Ruhrlade war also ein Programm für die Sprengung der parlamentarischen Demokratie. Die Herrschaften mit dem harmlos klingenden Namen trafen sich in der Regel monatlich, um ihre wirtschaftlichen und politischen Strategien zu bereden. Sie spendeten jährlich bis zu 1,5 Millionen Reichsmark für die rechten Parteien.
Über die Frage, welche Parteien für sie am nützlichen sind, gab es anfangs keine einheitliche Meinung. Fritz Thyssen unterstützte die NSDAP bereits seit 1923. Paul Reuschs skeptische Einstellung zu den Nazis, wegen ihrer sozialen Demagogie, änderte sich, als der Sozial- und Demokratieabbau immer mehr auf den Widerstand der Beschäftigten und Arbeitslosen stieß.
Ab 1931 spendete die Ruhrlade massiv an die NSDAP. Im Februar 1932 traf sich Paul Reusch mit Hitler und Heinrich Himmler in der Zentrale des GHH-Konzerns. Reusch wies die Tageszeitungen die zum GHH-Konzern2 gehörten an, die NSDAP wohlwollend zu behandeln. Am 19. März trafen sie sich nochmals. Zwei Stunden waren sie im Gespräch, wie Professor Johannes Bähr, der im Auftrage des MAN-Konzerns auch die Geschichte der GHH schrieb. Dabei äußerte Reusch sein Unmut, dass Hitler und Hindenburg bei den Reichspräsidentenwahlen gegeneinander kandidierten, das sei nicht im Interesse der nationalen Sache meinte er. Im Übrigen solle Hitler seine sozialistischen Parolen aus dem Wahlprogramm streichen. „Reusch beteiligte sich nach seiner Besprechung mit Hitler an der Finanzierung einer Arbeitsstelle, die Hjalma Schacht gegründet hatte, um Hitler wirtschaftspolitisch zu beraten“3. Am 7. Januar 1933, drei Wochen vor der Ernennung Hitlers durch Hindenburg zum Reichskanzler, trafen sich Papen mit fünf führenden Ruhrindustriellen, darunter auch Reusch in Dortmund. Angeblich ging es um die Beteiligung Hitlers an der Regierung unter der Führung von Papen.4 Am 30. Januar 1933 wurde Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.
Der Historiker Johannes Bähr schrieb über Paul Reusch: „Mit seinen maßlosen Attacken gegen die Weimarer Demokratie hat er dazu beigetragen, den Nationalsozialismus den Weg an die Macht zu ebnen“. Im Frühsommer 1932 verordnete Reusch den Münchener Neuesten Nachrichten: „den Marxismus zu bekämpfen und für den Schutz des Privateigentums einzutreten.“ Reusch schrieb: „Das demokratisch-parlamentarische System von Weimar ist die letzte Wurzel vieler Übel. Es ist für Deutschland als ungeeignet abzulehnen.“5
Naziterror in Oberhausen
Bereits unmittelbar nach der Ernennung Hitlers, am 30. Januar 1933, zum Reichskanzler marschierten auch in Oberhausen SA –Trupps in Arbeiterviertel und provozierten die Bewohner, so in die Siedlung Klosterhardt und in die Dunkelschlagkolonie. Am 5. Februar überfielen Nazis Antifaschisten vor dem „Volksheim“ in der Marktstraße. Heinrich Igl wurde hierbei durch einen Lungenschuss lebensgefährlich verletzt, zwei weitere Antifaschisten durch Messerstiche verwundet. Mitte Februar wurde dann der Oberhausener Polizeipräsident Weyer, ein Mitglied der Zentrumspartei, abgesetzt und durch einen Nazi ersetzt. Am 24. Februar rissen Nazis auf offener Straße Gewerkschaftlern und Sozialdemokraten ihre Abzeichen von den Kleidern. Am 26. Februar verhinderten SA und SS, unterstützt von der Polizei, eine SPD-Veranstaltung in Sterkrade. Am Sterkrader Bahnhof wurde am gleichen Tag die Milchhalle des Kommunisten Jupp Kathage zertrümmert.
Am 27. Februar 1933 inszenierter die Nazis den Reichstagsbrand. Unmittelbar danach erfolgten auch in Oberhausen die ersten Massenverhaftungen. Mehr als 200 Kommunisten wurden inhaftiert. Da das Polizeigefängnis zu klein war, wurden die Verhafteten in die Turnhalle des Realgymnasiums untergebracht. In der Nacht vom 5. zum 6. März ermordeten auf dem Schulhof, die von Hermann Göring zu Hilfspolizisten ernannten SA-Horden, die beiden Kommunisten Konrad Klaas und Leo de Longueville.
Das war die politische Atmosphäre, unter die am 5. März Reichtagswahlen abgehalten wurden. Alles Fakten, die in der neuen Gedenkhalle keinen Platz fanden.

Die GHH, Kriegsrüstung und Paul Reusch
Die GHH mit ihren Töchtergesellschaften, MAN, Deutsche Werft und ca. 20 anderen Unternehmen, war eines der wichtigsten Rüstungsunternehmen der Naziherrschaft. Ohne sie wäre die Kriegswalze über Europa nicht möglich gewesen. Die GHH lieferte nicht nur Kohle und Stahl. Ihre Töchter produzierten Panzer und U-Boot-Motoren. Die Kriegsmarine finanzierte eine zusätzliche MAN-Motorenfabrik in Hamburg. Selbst in den USA wurden MAN Schiffmotoren in Lizenz produziert, mit denen die USA ihre Kriegsschiffe ausrüstete. Auch an der Produktion von „Hitlers-Wunderwaffe“ V 1 war die GHH beteiligt. Auf den Höhepunkt der Kriegproduktion beutete der GHH-Konzern 31 500 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus, darunter viele KZ- Häftlinge. In ihren Oberhausener Betrieben waren es 11 000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Die Profite flossen reichlich.
Doch nicht alles verlief für Reusch zufrieden stellend, denn Kapitalismus ohne Konkurrenz gibt es nicht, neue Akteure mischten sich ein. Durch staatsmonopolistische Eingriffe zu Gunsten der Rüstungswirtschaft und der Reichswerke „Hermann-Göring“ verlor die GHH ihr Monopol über Erzminen bei Salzgitter und in Süddeutschland. Das war ärgerlich für den Machtmenschen Reusch. Andererseits konnte er die „Kabel und Metallwerke Neumeyer AG“ per Organvertrag unter die Kontrolle des GHH-Vorstandes zwingen. Andauernde Querelen um Machtanteile und der ungünstige Kriegsverlauf reizten Reusch zu Wutausbrüchen. 1942 schmiss er seine Funktionen, Vorstands- und Aufsichtsratposten, hin. Das wirkte sich für ihn günstig beim Entnazifizierungsverfahren nach 1945 aus.
Nach dem Reusch seine Funktionen hingeschmissen hatte, zog er sich auf sein schwäbisches Landgut zurück. Er gründete den „Reusch-Kreis“, bestehend aus Industriellen und Großagrariern. Sie diskutierte über den Kriegsverlauf und neue Strategien. Der Gestapo war bekannt, dass Carl Goerdeler öfters in diesem Kreis seine Vorstellungen vortrug. Im November 1943 sprach er in Anwesenheit von Paul Reusch von der Notwendigkeit, Hitler von der Führung zu beseitigen, um zu einer Verständigung mit den Angelsachsen gegen die Russen zu kommen. Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli wurde Goerdeler im August 1944 verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Paul Reusch wurde kein Haar gekrümmt. Offensichtlich hatte er einen starken Rückhalt im System. Andere hatten das nicht und wurden für viel weniger gnadenlos verfolgt. So Josef Weidenauer, Arbeiter bei der GHH Sterkrade, er wurde am Arbeitsplatz, wegen übler Nachrede gegen Führer, Militär und kommunistischer Propaganda, verhaftet. Am 3. Juli 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 14. August 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Keine Wirkung ohne Ursachen.

Man beginnt in der neuen Ausstellung mit der Naziherrschaft 1933 und endet mit 1945, als ob es keine politischen und materiellen Grundlagen für den Faschismus gegeben hätte.
Wegretuschiert wurde, was vor einigen Jahrzehnten noch Gewissheit war und in Wort und Bild dargestellt wurde. Wer waren die Wirtschaftsführer, die Hitler halfen und die Kriegswirtschaft organisierten?
Nach der Befreiung vom Terrorsystem gab es kaum eine gesellschaftliche Organisation, die nicht in ihrer Programmatik, die Großindustrie verantwortlich machte. Das gilt vor allen für SPD, KPD und Gewerkschaften. Selbst für die CDU6.
US-Sondertribunale in den Nürnberger Nachfolgeprozessen, verurteilten Konzernbosse wie Krupp und die Chefs der IG-Farben als Kriegsverbrecher. Sie wurden zwar später auf Drängen von Adenauer begnadigt. Das ändert nichts an der Tatsache, dass Bosse des Großkapitals die Hauptschuldigen und Nutznießer des Faschismus waren.
Der Geschichtsrevisionismus in der Gedenkhalle ist keine lokale Marotte in Oberhausen. Die Verantwortung der Großindustrie für die faschistische Diktatur wird zunehmend geleugnet und als Ergebnis wild gewordener Kleinbürger und Asozialer dargestellt.
Doch Max Horkheimer, Philosoph der Frankfurter Schule, brachte es bereits 1939 auf den Punkt: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Alfried Krupp war der Gebieter über Leben und Tod

30. Oktober 2020

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Report von Günter Wallraff über den Sklavenhalter aus Essen

Erst jetzt, viele Jahre nach Erscheinen des Buches von Bernt Engelmann und Günter Wallraff „Ihr da oben – wir da unten“ (1973 bei Kiepenheuer und Witsch in Köln) bemerkte ein Aktivist unserer Aktion „Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945“ die Brisanz des Buches für unsere Erinnerungsarbeit. Es wurde uns nun gestattet, aus dem Buch die Passagen zu Krupp zu zitieren: „Günter Wallraff hat keine Einwände gegen die Verwendung der genannten Passagen für Ihre Zwecke. Günter Wallraff dankt Ihnen für das gute Engagement und bestellt Ihnen herzliche Grüße!“
Vorangestellt hat Günter Wallraff ein Zitat aus dem Nürnberger Kriegsverbrecherprozess:
»Die von Alfried Krupp praktizierte Ausbeutung der Sklavenarbeiter übertraf die in allen anderen Industriebetrieben, einschließlich der IG-Farben. Nirgendwo wurde ein derartiger Sadismus geübt, eine so sinnlose Barbarei, eine so schockierende Behandlung von Menschen als seelenloses Material. Alfrieds Macht war absolut und daher auch absolut korrumpierend . . .«
D. A. Sprecher, Jurist aus Washington, Teilnehmer des »Nürnberger Prozesses«

Günter Wallraff berichtet sodann das Folgende:

Ein ehemaliger höherer Krupp-Angestellter, jetzt Rentner und die letzten Jahre bei einer anderen Firma beschäftigt, erinnert sich nur ungern an eine Zeit, die dem Werk zu einmalig hohen Profiten verhalf, bisher jedoch keinen Einlass in die Jubiläumsschriften der Firma fand.
Es bedarf mehrerer Vorsprachen und Überredungsversuche, um den jetzt 66jährigen ehemaligen Kruppianer zum Sprechen zu bringen. Er hat offensichtlich Angst, er könnte durch sein gutes Gedächtnis in erhebliche Schwierigkeiten kommen. Er verweist auf den Fall eines befreundeten ehemaligen Kollegen, der, wie er sagt, »zuviel gewusst« hat und zuerst hohe Geldzuwendungen erhielt und nachher, als er dennoch sein Wissen nicht für sich behalten konnte, um sein Leben fürchtete und heute in einer Art erzwungener Emigration im Ausland leben würde. Das sei nicht der einzige Fall dieser Art gewesen, behauptet der frühere Krupp-Angestellte. Einige der Zeugen, die es gewagt hätten, vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg ihren obersten Gebieter zu belasten, seien später, als Krupp sein Reich wieder übernahm, verschollen gewesen.
Sein Wissen habe er aus Erzählungen seines früheren Freundes und aus eigenem Erleben.
»Die ersten ausländischen Arbeiter,« berichtet der Augenzeuge, »wurden noch durchaus menschlich behandelt. Da lohnte es sich rein wirtschaftlich noch nicht, sie einer Sonderbehandlung zu unterziehen. 1942 änderte sich das, da gab es 10.000 Slawen, und etwa die gleiche Anzahl war von Krupp noch ›nachbestellt‹ worden. Da lohnte es sich für Krupp, ihre Arbeitskraft optimal zu verwerten. Damit schon äußerlich klar ersichtlich war, dass ihnen das Äußerste abverlangt werden konnte und Rücksichtnahmen, die Menschen gegenüber in irgendeiner Weise meist immer noch bestehen, bei ihnen fallgelassen werden sollten, wurde zuerst eine Sprachregelung von der Firmenleitung aus durchgeführt. An den Außenmauern der Krupp-Werkstätten wurden Schilder angebracht mit dem Hinweis; »Slawen sind Sklaven.« ln den Werksmitteilungen wurde ausdrücklich von »Sklavenarbeitern« und von »Sklavenmarkt« gesprochen, ansonsten von »Judenmaterial«. lm Hauptbüro war der gebräuchliche Ausdruck für die Zwangsverschleppten »Stücke«. Da wurde die Parole ausgegeben, die Fließbänder würden jetzt »durch Judenmaterial verlängert«. Da mit Vieh aus landwirtschaftlichem Nutzeffekt heraus wesentlich härter umgesprungen wird als mit Menschen, wurde für die Sklavenarbeiter ein Terminus aus diesem Bereich eingeführt. Das bei der Viehfütterung angewandte Wort »Fressen« galt für sie. »Ohne Arbeit kein Fressen« war oft das erste Wort, das die Deportierten von Krupp-Aufsehern hörten, wenn sie aus den Güterwagen in Essen herausgetrieben wurden, während man sie mit Tritten und Schlägen traktierte, auch Kranke und Kinder, damit sie von Anfang an merkten, dass es ernst gemeint war.
An die Neuankömmlinge wurden Holzschuhe verteilt und Decken mit dem Kruppzeichen, den drei ineinandergreifenden Ringen, sowie die Gefangenenuniform des Werkes, blau mit einem breiten gelben Streifen. Namen waren untersagt, ihre Unterscheidungsmerkmale waren Nummern, die mit weißem Faden auf die Anzüge aufgesteppt waren. Junge hübsche Jüdinnen wurden sehr häufig noch in einer besonderen Weise gekennzeichnet, um bei deutschen Arbeitern die sich leicht einstellende Sympathie jungen Mädchen gegenüber gar nicht erst aufkommen zu lassen.
Wahrscheinlich mit aus diesem Grund wurde ihr Haar zu grotesken entstellenden Mustern geschoren. Überhaupt wurde vom Werkschutz neben Prügelstrafen und Essensentzug bis zum Verhungern als Strafmaßnahme das Haar in Form eines Kreuzes geschoren.
Die Sklavenarbeiter waren in Ruinen, in ungeheizten Schuppen, auf Schulspielplätzen und in Zelten untergebracht. Manche mussten auf dem Boden schlafen, oft ohne Schutz vor dem Regen. Die französischen Zwangsarbeiter waren z. B. in Hundehütten einquartiert, knapp 1 m hoch, 21/2 m lang und 2 m breit; jede Hundehütte war mit 5 Mann belegt, um hineinzugelangen mussten sie auf allen Vieren kriechen. Andere waren in öffentlichen Bedürfnisanstalten und alten Backstuben untergebracht. Allein in Essen gab es 55 Arbeitslager von Krupp. Mit den Außenstellen in den Konzentrationslagern (u.a. in Auschwitz) hatte Krupp insgesamt an die 100 000 Sklavenarbeiter für sich eingespannt.
Für ständig frischen Nachschub und schnellste Einfuhrwege des billigen »Menschenmaterials« sorgte Krupp-Direktor Lehmann, der in fünf besetzten Ländern die Auswahl traf. Und wenn die ausgesuchten »Stücke« sich nicht freiwillig in die Transporte einfügen wollten, wurden sie mit Handschellen nach Deutschland versandt.
ln den Kruppwerken wurden 12-14jährige Kinder als volle Arbeitskräfte verwendet und 1944 gab es sogar 6jährige, die zur Arbeit gezwungen wurden. ln allen Sklavenlagern bei Krupp war die Ernährung katastrophal. Zu einem Zeitpunkt, als es durch die eroberten Ernten in den besetzten Gebieten in Deutschland noch keine Lebensmittelknappheit gab, wurden die Krupp-Sklaven aus Sparmaßnahmen heraus auf Hungerrationen gesetzt. Die Krupp-Rationen für sie lagen noch weit unter den sonst in Deutschland festgelegten Sätzen für Zwangsarbeiter, die schon minimal genug waren.
Laut behördlichen Erlassen sollten zur Zwangsarbeit rekrutierte Russen und Polen mindestens 2156 Kalorien pro Tag bekommen und Schwerstarbeiter 2900. Krupp gehörte jedoch zu den wenigen Unternehmen, denen es der mit der SS abgeschlossene Vertrag erlaubte, die Verpflegung der Arbeitssklaven nach eigenem Dafürhalten zu regeln, so dass er durch Rationalisierung dieses kargen Fraßes selbst noch Gewinne einheimste. ›Hart wie Kruppstahl‹, nach diesem Prinzip wurden im Werk seit jeher Gewinne erzielt. Die Tagesration der Sklavenarbeiter bestand häufig nur aus der sogenannten ›Bunkersuppe‹, einer Wassersuppe aus Kohlblättern und einigen Scheibchen Steckrüben, einer Scheibe Brot mit Marmelade oder Margarine, alles in allem vielleicht an die 500 Kalorien, wenn es hochkommt. Viele der Sklaven-Kruppianer starben an Unterernährung, viele hatten durch Hunger aufgetriebene Bäuche und Hungerödeme. Die Krupp-Ärzte weigerten sich zuletzt aus Angst vor Ansteckung, die Menschenzwinger der Krupp-Sklaven überhaupt noch zu betreten. Alfried Krupp war der Gebieter über Leben und Tod. Er hatte mit den Nazibonzen ausgehandelt, sich Sklaven für 4 Mark je Kopf und Tag auszuleihen und noch 70 Pfg. für Essen einzubehalten, Umtauschrecht vorbehalten. Er hatte sich ausbedungen, schlechte, das bedeutete oft, bei ihm in kurzer Zeit verschlissene Ware, zurückzugeben. Der entsprechende Passus dieser Handelsbeziehung lautete: ›Es gilt jedenfalls als vereinbart, dass für die Fabrikarbeit gänzlich ungeeignete Leute ausgetauscht werden können.« Es gab deutsche Arbeiter, die trotz Androhung harter Strafen das Risiko auf sich nahmen und den verhungerten Zwangsarbeitern heimlich etwas von ihrem Essen zusteckten. Aufseher einzelner Abteilungen, z. B. der Bürovorsteher der Lokomotivenfabrik, richteten Beschwerden an die Firmenleitung, dass diese extremen Rationalisierungsmaßnahmen der Essensrationen sich letztlich doch unrational auf die Produktivität der Sklavenarbeiter auswirkte, dass sie vor Entkräftung selbst durch Antreiben durch Lederknüppel, Peitschen und andere Schlagwaffen die erforderliche Arbeitsleistung nicht mehr brächten und beinah jeder dritte ganz ausfiele. Da nützte es oft nichts, dass aus den Deportiertentransporten nur die Stabilsten und Jüngsten herausgesucht wurden.«

»Herr Hassel vom Werkschutz, der gleichfalls anwesend war, schaltete sich ein und sagte …, dass man es hier mit Bolschewisten zu tun habe, die besser Prügel statt Essen bekommen sollten.«
(Krupp`sche Aktennotiz über eine Besprechung über das Verpflegungswesen. Werkschutzleiter Hassel war einer von Alfrieds einflussreichsten Gefolgsleuten.)
»Die Tatsachen, dass Klagen wegen unzulänglicher Verpflegung ausländischer Arbeiter häufig erhoben (wurden) … (ist) … mir wohl erinnerlich.«
(Alfried Krupp als Angeklagter vor dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal.)
»Niemand weiß, wer die hinterhältig treffende Formel von der ›Ausrottung durch Arbeit‹ prägte, aber schon vier Wochen später trug Krupp die Sache dem Führer vor. Er sagte, jeder Parteigenosse sehe natürlich die Beseitigung von ›Juden, ausländischen Saboteuren, gegen den Nationalsozialismus eingestellten Deutschen, Zigeunern, Verbrechern und Asozialen‹ gern, doch sehe er nicht ein, warum diese nicht etwas fürs Vaterland leisten sollten, bevor sie umgebracht würden. Wenn man sie scharf antreibe, könne jeder von ihnen in den Monaten vor der Liquidierung die Arbeitsleistung eines ganzen Lebens erbringen … Die Lösung des Problems war, wie sich herausstellte, eine Frage der Wirtschaftlichkeit …«
(aus: William Manchester: »Krupp«)

»Wie die meisten Schreibtischtäter«, fährt der ehemalige Krupp-Angestellte fort, »wollte auch Alfríed Krupp nach dem Zusammenbruch nichts mehr von der viehischen Behandlung seiner Sklavenarbeiter gewusst haben, er, der sich stets um alles kümmerte und nach typisch patriarchalischem Standpunkt fast alle wichtigen Entscheidungen selbst traf, wälzte nun die Verantwortung auf andere ab. Dabei wusste fast jedes noch so kleine Licht in Essen, wie im Hause Krupp mit den Zwangsarbeitern verfahren wurde. Jeden Morgen wurden z. B. die Jüdinnen in einem 6 km Anmarsch in Scharen wie Vieh durch die Böcklerstraße an der Ecke Altendorferstraße zur Arbeit vorbeigetrieben. Dort residierte Alfríed in seinem Büro. Dort marschierten im Winter die Arbeitskolonnen vorbei, 14jährige ausgemergelte Mädchen darunter, mit Frostbeulen an Füßen und Händen, denen es verboten war, gegen die noch so eisige Kälte Handschuhe zu tragen, deren Schuhbekleidung ohne Strümpfe nur aus einer Holzsohle bestand, die sie sich mitabgerissenen Fetzen aus ihrer Schlafdecke umwickelt hatten.
Den Juden ging es am allerdreckigsten bei Krupp. Bei Fliegeralarm war es ihnen ausdrücklich verboten, Luftschutzkeller oder Schutzräume aufzusuchen, sie mussten bleiben, wo sie gerade waren.
Um allen klarzumachen, dass es sich bei Juden nicht um Menschen handelte, sondern um ›Tiere‹, auf die die für Menschen geschaffenen Gesetze nicht anwendbar seien, wurde den Jüdinnen die Benutzung der Toiletten in der Fabrik verboten. Sie mussten draußen im Hof, wo sie jeder sehen konnte, wie Tiere ihre Notdurft verrichten.
Später vor dem »Internationalen Kriegsverbrecherprozess« in Nürnberg konnte Alfried Krupp folgerichtig erklären, dass er sich »keiner Verletzung der Menschenrechte bewusst« sei. Er hatte in seiner Art recht. Sklavenarbeiter waren keine Kruppianer. Und da sie keine Menschen waren, konnten bei ihnen auch keine Menschenrechte verletzt werden.

»Eine zweckmäßige Kontrollorganisation zur Sicherung der Rechte aller Fremdarbeiter zu schaffen, wurde von der Firmenleitung als Pflicht angesehen; sie wurde eingerichtet und hat gute Dienste geleistet. Um gerade die ausländischen Arbeiter wirksamer zu betreuen, waren alle für sie wirksamen Verwaltungszweige unter einer Oberlagerleitung zusammengefasst … Die Prüfer des ›Revisionsbüros‹ befassten sich laufend mit der Überwachung der für die ausländischen Arbeiter vorgeschriebenen Fürsorgemaßnahmen … Beanstandungen wurden ohne Rücksicht gemeldet und Fehler abgestellt. Die leitenden Angestellten und auch die Angeklagten selbst kümmerten sich immer wieder persönlich um die Verhältnisse in den Lagern, machten Essensproben und besichtigten die Unterkünfte. Die Betriebsordnung der Firma verpflichtete alle Vorgesetzten zu einer ›ruhigen und gerechten Behandlung der Gefolgschaftsmitglieder‹, zu denen selbstverständlich auch die Fremdarbeiter gerechnet wurden …
Die Gesamtheit dieser Einrichtungen zeigt, dass die ausländischen Arbeiter nicht rechtlos waren. Sie hatten vielmehr durchaus die Möglichkeit, den Mund aufzutun, wenn sie glaubten, Anlass zu Beschwerden zu haben.«
(Tilo Freiherr von Wilmowsky [Onkel von Alfried Krupp] in einer vom Hause Krupp in Auftrag gegebenen Rehabilitationsschrift »Warum wurde Krupp verurteilt? Legende und Justizirrtum«)

Die Krupp-Opfer hatten tatsächlich »die Möglichkeit, den Mund aufzutun«, allerdings konnten sie ihre Beschwerde dann nur in Form von Schreien vorbringen. Besonders ausgebildete Krupp-Aufseher und -Aufseherinnen ließen den Krupp-Sklaven ihre »Fürsorgemaßnahmen« mit Peitschen und Knüppeln angedeihen. lm Lager Humboldt-Straße gab es z. B. den Aufseher Riek, der die »Betreuung« der Sklavenarbeiter zu einer Art Sport kultiviert hatte. Er trug Reitstiefel, hatte in einer Hand stets ein Stück Gummischlauch, in der anderen eine lange Lederpeitsche.
Seine Jüdinnen waren zwischen 14 und 25, eine war über 30. Als sie bei der Arbeit nicht mehr mit den andern mithalten konnte, peitschte sie Rieck systematisch zu Tode.
Er hatte mit der Zeit eine einzigartige Fertigkeit entwickelt. Er brüstete sich vor den anderen Aufsehern damit, aus 2 ½ Meter Entfernung genau ins Auge treffen zu können. Er machte das bei seinen Jüdinnen mit Vorliebe. Einmal hat er einer auf diese Weise die Augen ausgepeitscht, so dass sie blind wurde.
Auch Alfried Krupp selbst wurde als oberste Beschwerdeinstanz mit den Beschwerdeschreien seiner Opfer konfrontiert, obwohl er später vor Gericht angab, von allem nichts gewusst zu haben. Seine eigene Sekretärin hatte ein besseres Gedächtnis. Sie gab an, häufig durch allzulang anhaltende Beschwerdeschreie beim Diktat gestört worden zu sein.
lm Kellergeschoss von Alfrieds Hauptverwaltungsgebäude hatten Werkschutz und Werkschar ihr Hauptquartier. Hier war zur Sonderbehandlung von Sklavenarbeitern der »Käfig« errichtet worden. Ein fensterloses Stahlgehäuse mit einigen Trennwänden, jede Kammer 55 cm breit, 55 cm tief und 1,50 m hoch, so eng und niedrig, dass die dort Eingepferchten mit der Zeit vor Schmerzen fast wahnsinnig wurden. Zur Abwechslung wurden sie dann bei kaltem Wetter durch Luftlöcher von oben mit Wasser begossen und wurden so bis zu mehreren Tagen eingeschlossen. Für Schwangere eignete sich der »Käfig« vorzüglich. Sie wurden oft aus den geringsten Anlässen heraus, z. B., wenn sie morgens statt um 4.30 Uhr erst um 4.45 Uhr die Arbeit aufnahmen oder wenn sie bei der Arbeit vor Entkräftung einmal einschlafen sollten, dieser Sonderbehandlung unterzogen, manchmal Frauen darunter, die im 6. Monat und darüber waren. Dann blieb es ihnen meist erspart, ihre Kinder erst lebend zur Welt bringen zu müssen, da sonst in einem Krupp-Kinder-KZ die Vernichtung des unproduktiven Lebens besorgt worden wäre.
Das war eine besondere Einrichtung von Krupp, der vielleicht aus nichteingestandener religiöser Pietät heraus schwangere Skiavenarbeiterinnen ihre Kinder erst mal austragen ließ, um sie dann im kruppeigenen Säuglinge- und Kinderlager Buschmannshof langsam verhungern zu lassen. Januar 1943 beherbergte das Lager etwa 120 halbverhungerte Säuglinge und Klein-Kinder; keins dieser Kinder unter 2 Jahren überlebte.

»Dann ging Alfried Krupp ins Gefängnis; mit Haltung und mit Würde trat er, der Schuldlose, vor den Militärgerichtshof. Er verantwortete sich für das Haus Krupp, aber er verantwortete sich zugleich für Deutschland mit Rang und Noblesse. Dafür dankt Deutschland an diesem Sarg« (Aus der Trauerrede des damaligen Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier)

»Wer von uns wollte sich erkühnen, in die Geheimnisse eines solchen männlichen, verschlossenen, großen Lebens hineinzuschauen, sie zu entziffern. Wir stehen vor den Tatbeständen, dass in diesem Leben manches in die Dunkelheit der Geheimnisse der Fügung Gottes mit uns hineingetaucht ist. Aber wir wissen, gerade in dieser Tiefe erscheint ein Widerschein des Lichtes, jenes Lichtes, das aus Gott kommt; jenes Lichtes, das Jesus ans Licht gebracht hat.«
(Aus der kirchlichen Traueransprache von Präses Beckmann)

»In Antwort auf die Frage, warum die Familie sich für Hitler erklärt hat, sagte ich: Wir Kruppianer sind keine ldealisten, sondern Realisten. Mein Vater war Diplomat. Wir hatten den Eindruck, dass Hitler uns eine gesunde Entwicklung bescheren würde. Tatsächlich hat er das getan … in diesem harten Kampf brauchten wir eine harte und starke Führung. Hitler gab uns beides. Nach den Jahren seiner Führung fühlten wir uns alle viel besser. Als ich über die antijüdische Politik der Nazis befragt wurde und was ich davon wusste, sagte ich, dass ich nicht von der Ausrottung der Juden gewusst habe, und weiterhin, dass, wenn man ein gutes Pferd kauft, muss man ein paar Mängel hinnehmen.«
(Aussage von Alfried Krupp vor dem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Schuldig gesprochen wegen Plünderung von Wirtschatfsgütern im besetzten Ausland; und Ausmerzung und Misshandlung breiter Massen ausländischerZwangsarbeiter.
Verurteilt zu 12 Jahren Haft; jedoch nach drei Jahren – im Zuge der Wiederaufrüstungspolitik – entlassen.)

Staatliche Rettung der Lufthansa – eine Schmierenkomödie

30. Oktober 2020

Von Werner Rügemer

Ab 3. März 2020 kauften sich Spekulanten wie Heinz Hermann Thiele und noch ganz andere schrittweise in die abstürzende Lufthansa AG ein. Mit geübtem Gespür für das staatliche Pandemie-Management wussten sie, was dann passiert. Beschäftigte, Umwelt und Staatshaushalt werden belastet, Spekulanten belohnt. Verantwortungsvolle Umstrukturierung sähe ganz anders aus und wäre möglich.
„Auch die EU fördert die asozialen Privilegien der allerreichsten Kapitalisten, nicht mehr nur der einheimischen, sondern auch derer aus dem am heftigsten abstürzenden, asozialsten Kapitalstandort. Kranke Gesundheitssysteme, kranke Wirtschaftssysteme: Alles wird fortgeführt. Allerdings digitalisiert.“

Werner Rügemer (Köln) hat uns gestattet, seinen Beitrag aus den „Nachdenkseiten“ über ein ganz modernes Verbrechen der Wirtschaft zu veröffentlichen

Am 25. Juni bei der außerordentlichen Hauptversammlung der Lufthansa AG stimmten die Aktionäre dem Rettungsplan der Bundesregierung zu. Der Staat bringt 9 Milliarden Euro auf, als 20prozentigen Anteil an den Aktien sowie als Kredite. Damit soll die wegen der Corona-Pandemie abgestürzte deutsche Fluggesellschaft gerettet werden. Der Staat will ab 2023 wieder aussteigen, nach der erhofften Sanierung.

Herr Thiele ist unzufrieden mit seinem Staat
Diese Entscheidung war lange unsicher. Vor allem der neue Hauptaktionär Heinz Hermann Thiele hatte gedroht, das staatliche Rettungspaket bei der anstehenden außerordentlichen Hauptversammlung der Aktionäre abzulehnen. Herr Thiele ist übrigens ein Spekulant: Er hatte sich unter dem Schirm der alles beherrschenden „Corona-Hysterie“ seine 15,5 Prozent der Aktien genau ab dem 3. bis 16. März 2020 still und heimlich zusammengekauft. Nach der öffentlichen Bekanntgabe des Rettungspakets (Finanzminister Scholz: So geht „Wumms“) war er ganz ganz sicher und hat wumms schnell noch die letzten 5 Prozent dazugekauft. So geht „Wumms“!1

Und nun wurde Thiele frech: Der Einfluss des Staates sei zu groß! Der Staat soll seine Milliarden abliefern, er kriegt eine stille Beteiligung – das reicht dem Staat, der soll die Klappe halten, teilte der Multimilliardär per FAZ der Merkel-Regierung mit. Damit lässt sich unsere beziehungsweise seine Bundeskanzlerin kommentarlos öffentlich vorführen. Sie hält die Klappe, sie muss ja regieren und die Bürger zu Mund- und Nasenschutz aufrufen.

Der Thiele blieb frech, die ganze Zeit von der Verkündung des Rettungsprogramms bis eine Minute vor der Hauptversammlung. Obwohl doch die kapitalfromme Bundesregierung schon so zurückhaltend wie möglich war: Sie bleibt mit den 20 Prozent unter der 25 Prozent-Beteiligung: Nicht mal die damit mögliche Sperrminorität will sie haben. Und sie verzichtet darauf, selbst ihre Vertreter im Aufsichtsrat vorzuschlagen: Dieses Recht gesteht sie ausschließlich dem Lufthansa-Aufsichtsrats-Vorsitzenden Karl-Ludwig Kley zu.2

Aber Herr Thiele war immer noch sehr sehr unzufrieden: Obwohl sein Aktienpaket nur dadurch seinen Milliardenwert behält, dass der Staat bzw. sein Staat einsteigt, worauf Thiele ja spekuliert hat und sich verlassen konnte. Thiele hatte auch noch angedeutet: Statt dieser staatlichen Rettung könnten wir doch eine Insolvenz durchziehen! Da könnte man ganz neu anfangen, könnte schnell Personal abbauen und den lukrativen Kern herausschälen. „Ich habe jetzt meine Berater, Wirtschaftsprüfer und Anwälte losgeschickt“, ließ er über die FAZ bekanntgeben. Sie sollen nachverhandeln. Also er wisse keinesfalls, ob er dem Rettungspaket der Bundesregierung zustimme, drohte der Thiele bis zuletzt. So geht seinesgleichen eben mit seiner Regierung um.

Neben Thiele auch noch Morgan Stanley, BlackRock & Co
So bibberten deutsche Regierung, Vorstand und Aufsichtsrat der Lufthansa bis zum letzten Tag: Wie wird sich Herr Thiele entscheiden?3 Wo er doch zudem noch zart angedeutet hatte: Ich stehe mit dem halben Dutzend der nächstgrößeren Aktionäre in Verbindung. Das sind übrigens meistens solche, die auch erst mit Beginn der Pandemie neu eingestiegen sind, im Zutrauen auf ihren Staat. Das sind an erster Stelle die US-Investmentbank Morgan Stanley mit 7,4 Prozent sowie weitere Aktionäre, die Thiele namentlich aber nicht nannte.

Bekannt ist noch BlackRock, der allgegenwärtige, scheinbar unscheinbare Miteigentümer aller DAX- und ein paar hundert weiterer Konzerne in Deutschland. Wobei BlackRock, im Unterschied zu Thiele und Morgan Stanley und den anderen auch schon vorher Lufthansa-Aktionär war. BlackRock&Co aber sagten nie was, wurden nicht wie Thiele von FAZ und Handelsblatt und Süddeutscher Zeitung seitenlang interviewt. Nein, diese anderen Unbekannten – deren Privatheit wurde respektiert. Die ließen dezenterweise den Thiele öffentlich plappern und taktieren und den Staat vorführen.4

So konnte der Thiele die Lufthansa-Rettung als deutsche patriotische Tat inszenieren. Er inszenierte sich mit der Minister Scholz und Altmaier Hilfe als Retter des „deutschen Champions“ Lufthansa. Wo doch Deutschland und die EU nach der segensreichen „Globalisierung“ jetzt im wirtschaftlichen Abstieg, zerrieben zwischen den USA und China, um deutsche und europäische „Champions“ kämpfen müssen, neuerdings!

Endlich doch: Herr Thiele & Co erlösen den Staat und die Lufthansa
Also dann bei der Hauptversammlung erlösten der Herr Thiele & Co die Regierung, den Vorstand, den Aufsichtsrat, die Medien und nicht zuletzt die 138.000 (Noch)Beschäftigten der Lufthansa: Thiele stimmte dem Rettungsplan zu.

Die virtuelle Hauptversammlung mit einem Dutzend nichts sagender Figuren, war übrigens eine Gespensterversammlung, in mehrfacher Hinsicht: Nur 38 Prozent der Aktionäre waren vertreten, also Thiele, Morgan Stanley, BlackRock und die neuen Unbekannten. Die waren aber selber bei der virtuellen Versammlung gar nicht da, sondern ließen sich durch ein paar korrekt gekleidete Anzugträger, gutverdienende Unternehmer-Anwälte vertreten. Z.B. für Thiele drückte jemand von der Münchner Großkanzlei Gauweiler, die dem CSU-Bundestagsabgeordneten und Groß-Nebenverdiener Gauweiler gehört, aufs Knöpfchen für die digitale Zustimmung.

Übrigens ein Beispiel dafür, wie heute auf Aktionärsversammlungen eine kleine radikale und teilweise unbekannte Minderheit mit einer Minderheit der Aktien die Entscheidungen fällt bzw. vor der öffentlichen Hauptversammlung längst ausbaldowert hat.

Zu dieser Art „Wirtschaftsrettung“ gehören systemisch solche Schmierenkomödien.

Aktien rein und raus, Aktien rauf und runter: Das Krisen- Geschäftsmodell
Mit Beginn der Pandemie-Maßnahmen ab Ende Februar 2020 war der Flugverkehr eingebrochen. Und ab dem 3. März 2020 also waren die neuen Kapitalisten als die neuen Eigentümer in die Lufthansa AG eingestiegen. Sie hatten schrittweise Aktienpakete der abstürzenden Fluggesellschaft aufgekauft. Je länger der lockdown dauerte, desto mehr Aktien kauften sie, schrittweise. Sie kauften immer mehr Aktien eines Unternehmens, das immer mehr der Insolvenz zusteuerte. Geheimnisvoll, rätselhaft, oder?

Nein, normales asoziales kapitalistisches Krisengeschäft heute. Die Leitmedien machen mit dem Absturz der Aktienwerte den Klein- und Mittelaktionären Angst. „Die Wirtschaft“ trudelt ab, die Spekulanten – Investoren genannt – steigen ein. Jedenfalls solche Investoren, die in den Berichten für das verdummte Volk, z.B. im täglichen Börsenbericht des Staatssenders ARD, nie genannt werden. Aktien runter – lecker für die professionellen Großspekulanten.

Jede Bewegung auf dem Wertpapiermarkt, ob nach oben oder unten – ein Geschäft, z.B. für BlackRock mithilfe der Tochterfirma Aladdin: Die größte Datenverarbeitungsanlage des westlichen Kapitalismus spekuliert im Nanosekundenbereich mit allen Aktien aller Aktiengesellschaft der westlichen Welt. Wertverluste, Wertgewinne – die Algorithmen nutzen die kleinste Differenz in der zweiten Stelle hinter dem Komma blitzartig und großvolumig aus, gleichzeitig an allen Börsen. Aladdin berät gegen eine kleine Gebühr auch andere Spekulanten, übrigens auch die Finanzaufsicht und die EZB und die Federal Reserve Bank.5 Die Finanzaufsichten kriegen dann bei anderen Schmierenkomödien wie jetzt in Deutschland bei Wirecard nichts mit.

Rettung: Wer wird gerettet?
Nach der Rettungszusage kündigte Vorstandschef Carsten Spohr an: Wir müssen ungefähr 22.000 Arbeitsplätze abbauen. Das hatte er übrigens schon jahrelang vor der Pandemie geplant. Und noch weitere paar zehntausend stehen schon länger auf der Abschussliste. Die aufsteigende Konkurrenz aus dem Ausland, vor allem die Billig-Massenflieger wie Ryan Air macht seit langem Druck. Mit der Gründung der Billigflieger-Töchter Germanwings und Eurowings und dem Verkauf der Cateringtochter Sky Masters hatte Spohr schon einen zögerlichen Anlauf gemacht. Aber jetzt mit dem Aufkleber Corona soll es richtig aufwärts bzw. abwärts gehen, mit Staatshilfe.

Die Gewerkschaften der Piloten, Flugbegleiter und des Bodenpersonals, also Cockpit, UFO und verdi, werden erpresst: möglichst viele Beschäftigte in möglichst ausgedehnte Teilzeit, sinkende Gehälter, reduzierte Beiträge zur Altersvorsorge, zusätzlich reduzierte Pensionen, unbezahlte Urlaube, freiwilliges Ausscheiden mit Abfindung. Dagegen: Den Aktionären sind keine Verzichte abgezwungen worden, z.B. ihre Aktienpakete nicht in Finanzoasen zu verstecken. Also den Beschäftigten hilft die Bundesregierung nicht.6

Dazu noch ein Vergleich: Für gut zwei Millionen Selbständige hat der Staat etwa 12 Milliarden an Krisenhilfen ausgeschüttet, als einmalige Kurzzeithilfen von 2.000 bis 15.000 Euro. Da hängen noch einige Millionen Arbeitsplätze dran, vielfach prekär. Die Hilfen laufen für drei Monate, dann muss genau abgerechnet werden. Was nicht als Betriebskosten anrechenbar ist, muss zurückgezahlt werden. Denn nach drei Monaten ist bekanntlich die Krise zu Ende, nicht wahr?

Dagegen: Für das eine Unternehmen Lufthansa mit den 138.000 (Noch)Beschäftigten gibt der Staat eine ähnliche Summe aus, mit jahrelangen Garantien, währenddessen die ohnehin wenigen Beschäftigten immer weniger werden und die angstvollen Übrigbleibenden immer ärmer werden sollen.

Was könnte Herr Thiele Besseres tun?
Thiele hatte aus seinen geschätzten 13 Milliarden Euro Privatvermögen – das ist nur der öffentlich bekanntgegebene Wert – schnell mal ein paar Milliarden abgezweigt und die Lufthansa-Aktien gekauft. Kapital ist sehr beweglich, wenn es bzw. sein Kapitalist es will.

Thiele ist groß und reich geworden mit seinen Unternehmen Knorr Bremse und Vossloh. Knorr Bremse ist weltweit führend bei Brems- und Leitsystemen für Schienen- und Nutzfahrzeuge, auch etwa für U-Bahnen und Landmaschinen, für Schienen- und Türtechnik, Klimaanlagen und Energiesysteme. Das Unternehmen Vossloh produziert ergänzend Weichen- und Schienenbefestigungssysteme und Lokomotiven.

Das hätte, wenn die Bundesregierung die Umwelt entlasten und neue Arbeitsplätze schaffen wollte, weiterentwickelt werden können: An öffentlichen und besser funktionierenden und billigeren Nahverkehrssystemen ist Bedarf.

Und wo doch die Bundesregierung mit der Europäischen Kommission jetzt genauer aufpasst, dass nicht zuviel an China verscherbelt wird: Thiele durfte völlig ungehindert den Bereich Transportation an das größte Eisenbahnunternehmen Chinas verkaufen: China Railway Rolling Stock Corporation, CRRC. Damit konnte Thiele Lufthansa-Aktien kaufen. Statt dass der Staat gesagt hätte: Mein Freund, Vossloh Transportation bleibt in Deutschland, in Europa! Wir bauen Schienensysteme hier!

Aber nein, die Bundesregierung lässt Thiele seine Milliarden umschichten in die umwelttödliche Fliegerei. Und die wird trotz aller schleimigen Bekenntnisse zum Klimaschutz auch jetzt wieder bei diesem Rettungspaket zudem noch rechts- und systemwidrig beim Flugbenzin von der Mehrwertsteuer entlastet.

Das Wirtschafts-Rettungspaket schwächt den Staatshaushalt und zerstört die Umwelt.

Thieles Vorbild: Herbert Quandt
Da marschiert die Bundesregierung, von der Europäischen Kommission unterstützt, mit ihrem Thiele bzw. der Thiele mit seiner Bundesregierung in eine ganz andere Richtung. Privatgewinn, staatlich gefördert, statt Umwelt- und Klimaschutz.

Thiele als einer der allerreichsten Deutschen hat als Vorbild einen anderen der allerreichsten Deutschen aus besseren Zeiten, bekennt er nostalgisch: Sein Vorbild ist Herbert Quandt, der stille Nazi-Großprofiteur, der auch schon mit Staatshilfe sehr reich wurde. So konnte er 1959 als einer der reichsten Deutschen plötzlich mit ganz viel Kapital auf der Matte stehen und als edler Retter bei BMW auftreten (Handelsblatt: „Mit Parallelen zur Lufthansa“) und seinen Erben eine milliardenschwere Pfründe hinterlassen: Leistungsloses Abkassieren von jährlich zwischen 500 und 900 Millionen Euro für den Quandt/Klatten-Clan. Und der muss nicht mal ein Tausendstel davon abgeben für Spenden an CDU und CSU, damit alles so gut klappt. (Thiele selbst braucht gar nicht zu spenden, zumindest bisher)

Staats-Wirtschaft: aber ja! Es muss aber der richtige Staat sein
Dank der Beziehungen zur CDU wurde Knorr Bremse als Dauer-Groß-Auftragnehmer der damals noch staatlichen Bundesbahn – 80 Prozent des Umsatzes – mächtig. Auch Thiele hatte wie Vorbild Quandt nichts gegen die ansonsten kritisierte Staatswirtschaft. So kam Thiele mithilfe des CDU-Staates auch an einiges in der Ex-DDR.

Der Großunternehmer wird in der Wirtschaftswoche jetzt als „Kind der Wirtschaftswunderjahre und Emporkömmling im besten Sinne“ gefeiert: „Mit Gewerkschaften hat er Schwierigkeiten“, gestand er der Süddeutschen Zeitung. „Die Leute wollen geführt werden;“ erzählte er der Wirtschaftswoche. Bei Knorr Bremse gilt deshalb kein Tarifvertrag. Dafür muss 42 Stunden in der Woche gearbeitet werden, und der Führer verteilt an die Besten dann Boni.7

Mit Öffentlichkeit mag er es meist nicht so: Erst 2018 ging Knorr Bremse an die Börse. Die Mehrheit gehört dem Thiele-Familienclan, geparkt in einer steuerbegünstigten Familienholding. Und: „Die Erbschaftssteuer ist ein enteignungsähnlicher Eingriff in das Privateigentum“, vertraute er dem sympathisierenden Unternehmerblättchen FAZ an. Die Familienholding nutzt zudem im bayerischen Promistandort Grünwald die besonders niedrige Gewerbesteuer. Von einer Luxemburger Briefkastenfirma bekam der Clan in den letzten Jahren Millionen-Dividenden ausgezahlt, berichtet die Süddeutsche Zeitung, undsoweiter.8

Diejenigen, die möglichst wenig Steuern zahlen, kriegen die dicksten Staatshilfen – dafür stehen bzw. fallen an vorderster Front Merkel, Altmaier, Scholz, von der Leyen. Die Reihen dahinter scheinen fest geschlossen. Ein Staat steht stramm. Schmierenkomödie.

BlackRock: 160 Briefkastenfirmen für die Lufthansa-Aktien
Wer die dicksten Staatshilfen kriegt, trägt also dazu bei, dass der Staat auch in Zukunft immer weniger Steuereinnahmen haben wird. Und wer zahlt dann jetzt die Staats-Rettungs-Schulden zurück?

Die Bundesregierung verschuldet sich mit 128 Milliarden Euro, um die Unternehmen wie die Lufthansa, die schon vor der Pandemie auf die Rezession zugesteuert sind, zu retten, ohne Auflagen und ohne Mitbestimmung. Deutschland ist auch der größte Schuldenmacher im zusätzlichen 750 Milliarden-Rettungspaket der Europäischen Union. Die Rückzahlung dieser Schulden ist weit in die schlechte Zukunft verschoben, soll 2028 beginnen und bis 2058 laufen – 30 Jahre lang.

Und womit will Deutschland seine vielen großzügigen Rettungs-Schulden zurückzahlen? Mithilfe des Spekulanten Thiele? Mit mehr Steuern bei den anderen großen Steuerflüchtlingen offensichtlich auch nicht. Die zart angedeutete Überlegung, dass Staatshilfe nur an solche Unternehmen gehen darf, die keine Tochterfirmen in Finanzoasen unterhalten – das war schnell vom Tisch. Dafür brauchten Thiele&Co nicht mal mit der Wimper zu zucken.

Und nur mal als Beispiel, weil wir schon dabei sind, und was alles in der Tagesschau und im heute journal und in der FAZ und in der Süddeutschen und im Staatsfunk Deutschlandfunk nicht vorkommt: Der Lufthansa-Mitretter BlackRock bzw. -Mitspekulant hat seine Lufthansa-Aktien auf 160 Briefkastenfirmen verteilt. Darin steckt das Kapital der superreichen BlackRock-Kunden, domiziliert in einem Dutzend Finanzoasen zwischen dem EU-Vorzeigestaat Luxemburg, Delaware und den Cayman Islands. (…)

Übrigens: Die abstürzende Lufthansa AG wurde wegen des schon vor der Pandemie abstürzenden Aktienwerts endgültig aus dem DAX entfernt, dem Edelclub der 30 schönsten Aktiengesellschaften in Deutschland. Dafür stieg der auch ansonsten mit Gewinnen und erhöhten Mieten aufsteigende Wohnungskonzern Deutsche Wohnen AG in den Club auf. Nur damit es nicht vergessen wird: Bei Deutsche Wohnen ist übrigens BlackRock auch Großaktionär.

Lukrative Illusionen: Deutsche und europäische Champions
Auch die Europäische Kommission hat dieser Lufthansa-Rettung schnell zugestimmt. Genauso wie den anderen lukrativen Schmierenkomödien in der EU. So dürfen der französische und der niederländische Staat zusammen mit 10 Milliarden die ähnlich abstürzende Fluggesellschaft Air France/KLM retten. Wo doch eigentlich die EU für die freie Marktwirtschaft eintritt und gegen staatliche Subventionen, in Übereinstimmung mit dem liberalen Lügenkonstrukt, in Wirklichkeit aber die größte bürokratisch gelenkte Staatswirtschaft darstellt.

Laut Branchenverband International Air Transport Association IATA pumpen westliche Staaten jetzt etwa 120 Milliarden Dollar in „ihre“ Fluggesellschaften. Mit ähnlichen Spekulanten und Praktiken. Die Trump-Regierung hilft den großen vier US-Fluggesellschaften mit 50 Milliarden Dollar. Ebenso setzen die heftigsten „Globalisierer“ auch in Europa, die bundesdeutsche, die französische und die niederländische Regierung und die Europäische Kommission selbst, auf nationale und europäische Champions. 9

Das ist verantwortungsloser Schwachsinn. Die Zeiten sind vorbei. Als der zweitgrößte Flugkonzern Deutschlands, Air Berlin, kürzlich insolvent war und kurzfristig auch mit Staats-Trara gestützt wurde und dann doch schnell verschwand: Hat es jemand gemerkt? Erinnert sich jemand? Die Lücke war schnell geschlossen.

Auch wenn die alten, teuren, nationalen, abstürzenden Champions nicht gerettet werden, würden alle noch gewünschten Flüge in kurzer Zeit wieder möglich werden. Es besteht ein Überangebot. Und wo doch jetzt sowieso weniger Leute fliegen, aus vielen Gründen: Weil viele Menschen jetzt und in Zukunft sowieso noch weniger verdienen, weil Umweltbewußtsein doch jetzt greift, weil Konzerne ihren Managern jetzt video-Konferenzen verordnen, auch um die luxuriösen und schwachsinnigen Inlandsflüge von Lufthansa, KLM&Co einzusparen.

Aber nein: Auch die EU fördert die asozialen Privilegien der allerreichsten Kapitalisten, nicht mehr nur der einheimischen, sondern auch derer aus dem am heftigsten abstürzenden, asozialsten Kapitalstandort. Kranke Gesundheitssysteme, kranke Wirtschaftssysteme: Alles wird fortgeführt. Allerdings digitalisiert.Was auch zu den allgegenwärtigen Großaktionären von Google, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft führt: Ihr wisst schon, nicht wahr?

Nicht nur Deutschland braucht eine neue Regierung und neue Investoren, auch die Europäische Union braucht das. Überlebens-notwendig.